Reizdarm
Wiederkehrende Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung – und trotzdem keine organische Ursache gefunden. Betroffene von einem Reizdarmsyndrom durchlaufen oftmals eine wahre Odyssee an Arztbesuchen und Untersuchungen, bis sie Klarheit über ihre Beschwerden erhalten. Die funktionelle Darmstörung ist zwar nicht heilbar, aber die Symptome sind gut in den Griff zu bekommen.
In diesem Artikel erfahren Sie alles Wissenswerte über funktionelle Darmstörungen und wie Sie sich das Leben mit einem Reizdarmsyndrom erleichtern können.
Was genau bedeutet eigentlich "Reizdarmsyndrom"?
Die Bezeichnung ist eigentlich irreführend, da bei einem Reizdarmsyndrom nicht nur der Darm betroffen ist. Funktionelle Verdauungsstörungen können alle Organe betreffen, die an der Nahrungsverwertung beteiligt sind, von der Speiseröhre bis zum Anus.
Unter "funktionellen Beschwerden" werden jene zusammengefasst, für die keine körperliche Ursachen zu finden sind. Das bedeutet, bevor diese Diagnose gestellt werden kann, müssen einige Untersuchungen zum Ausschluss anderer Erkrankungen durchgeführt werden.
Keinesfalls sind funktionelle Beschwerden als "eingebildet" zu betrachten, weil keine organische Störung vorliegt. Alle störenden Symptome sind real und tatsächlich vorhanden. Sie beruhen oftmals auf einer "Kommunikationsstörung" des vegetativen Nervensystems mit dem betreffenden Organ.
Seelische Faktoren wie Stress, Kummer oder Angst führen oftmals zu einer Verschlechterung funktioneller Beschwerden. Manche Patient*innen verfügen auch über eine erniedrigte Schmerzschwelle und nehmen Schmerzen besonders intensiv wahr.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bei Patient*innen mit Reizdarmsyndrom die Darmbewegung (Darmmotilität) gestört ist und die Darmschleimhaut besonders empfindlich auf Reizungen reagiert. Auch eine genetische Vorbelastung kommt in Frage.
Anzeichen und Symptome eines Reizdarms
Rund 10 bis 20 von 100 Personen sind von einem Reizdarmsyndrom betroffen. Am häufigsten tritt die Erkrankung zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf, Frauen sind ungefähr doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Bei einigen Betroffenen kommen die Symptome aus dem sprichwörtlichen heiteren Himmel. Manchmal geht dem Reizdarmsyndrom auch eine Magen-Darm-Infektion voraus. Bei einigen Patient*innen bestehen schon seit der Kindheit immer wieder Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme. Manche berichten auch von einer vorhergehenden psychischen Belastungssituation wie eine Trennung oder den Verlust des Arbeitsplatzes.
Das Reizdarmsyndrom umfasst eine ganze Reihe von Beschwerden, auch solche, die atypisch für Verdauungsprobleme sind. Die häufigsten Symptome sind:
- Krampfartige Schmerzen im Bauch und/oder Unterleib
- Sichtbarer Blähbauch
- Völlegefühl
- Durchfall
- Verstopfung, auch im Wechsel mit Durchfall möglich
- Schleimbeimengung im Stuhl
- Rücken-, Gelenks- oder Kopfschmerzen
Für die Diagnose Reizdarmsyndrom braucht es jedoch noch die Erfüllung einiger weiterer Kriterien:
- Beschwerdedauer besteht an mindestens 12 Wochen im Jahr
- Keine nächtlichen Beschwerden
- Besserung der Schmerzen nach dem Stuhlgang
- Verschlimmerung der Beschwerden durch psychische Belastungsfaktoren
Ausserdem gibt es noch eine Reihe von "Alarmsymptomen", bei deren Auftreten die Diagnose Reizdarm eher unwahrscheinlich ist. Dazu gehören:
- Blut im Stuhl
- Kurze Krankheitsgeschichte
- Enerklärlicher Gewichtsverlust
- Nächtliche Beschwerden
- Grundlose Verschlimmerung der Beschwerden
Wie wird ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert?
Wenn Sie vermuten, an den Symptomen eines Reizdarmsyndroms zu leiden, ist der/die erste Ansprechpartner*in der Hausarzt oder die Hausärztin. Das genaue Dokumentieren der Krankengeschichte (Anamnese) ist die Grundlage. Oft wird auch gleich eine Untersuchung von Blut und Stuhl veranlasst. Je nach Alter und Gesundheitszustand wird auch eine Überweisung zu internistischen oder gastroenterologischen Fachkolleg*innen gemacht.
Zum Ausschluss anderer organischer Erkrankungen wird häufig auch ein Ultraschall, eine Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel und/oder eine Darmspiegelung durchgeführt.
Wird eine Nahrungsmittelunverträglichkeit vermutet, kann auch ein Test auf Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) oder Laktoseintoleranz sinnvoll sein.
Auch eine bakterielle Fehlbesiedelung kommt als Ursache für verschiedenste Verdauungsbeschwerden in Frage, zum Thema Darm und Mikrobiom und Darmsanierung gibt es ebenfalls informative Blogbeiträge für Sie.
Häufig angenommene Befürchtungen, dass ein Reizdarmsyndrom das Auftreten von Darmkrebs begünstigt, haben sich indessen als völlig unbegründet herausgestellt.
Behandlung des Reizdarmsyndroms
Da es beim Reizdarmsyndrom keine behandelbaren Ursachen gibt, richtet sich die Behandlung nach den Symptomen. Bei leichten Symptomen kann es hilfreich sein, die Ernährungsgewohnheiten zu überdenken, blähende Lebensmittel und Genussgifte zu meiden.
Wenn das Hauptproblem eine seelische Belastung darstellt, können psychotherapeutische Massnahmen eine Entlastung darstellen. Auch Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Yoga helfen beim Abbau von Stress und lassen Sie das innere Gleichgewicht wieder finden.
Bei ausgeprägter Beschwerdesymptomatik können auch Medikamente bei den einzelnen Symptomen nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt werden. Bei Bauchschmerzen helfen krampflösende Mittel, gegen Durchfall Antidiarrhoika und gegen Verstopfung sogenannte Laxantien. Wenn das Reizdarmsyndrom mit depressiver Symptomatik einhergeht, kann auch der kurzfristige Einsatz eines niedrig dosierten Antidepressivums hilfreich sein.
Ernährung bei Reizdarm
Welche Nahrungsmittel gut vertragen werden und welche nicht, ist sehr individuell und muss ausprobiert werden. Bestimmte Lebensmittel haben sich aber als generell gut verträglich herausgestellt, dazu gehören:
- Vollkornprodukte
- Naturreis
- Gemüse, welches keine Blähungen verursacht (z.B. Kartoffeln, Karotten)
- Obst mit niedrigem Fruktosegehalt (z.B. Erdbeeren, Heidelbeeren)
- Getränke ohne Kohlensäure
- Lebensmittel, welche Probiotika enthalten (z.B. Joghurt)
Als ungünstig haben sich hingegen folgende Lebensmittel erwiesen:
- Kaffee, Schwarztee
- Scharfe Gewürze
- Fruktosereiches Obst und Trockenfrüchte
- Blähendes Gemüse (Kohl, Zwiebeln, Knoblauch, Hülsenfrüchte)
- Lebensmittel mit hohem Fettgehalt
- Lebensmittel mit künstlichen Süssungsmitteln
- Alkohol, Nikotin
Tipps bei Reizdarmsyndrom:
Gutes Stressmanagement
Bei den meisten Betroffenen verschlimmert Stress die Reizdarmsymptome. Grund genug, darauf zu achten, immer wieder Zeit zum Entspannen und Durchatmen zu finden. Achten Sie auf genügend Ruhezeit, nutzen Sie Urlaub und Freizeit genau dafür, wofür sie eigentlich gedacht sind, nämlich um aufzutanken, seien Sie nicht 24 Stunden am Tag erreichbar und versuchen Sie, Ihr Leben einfach bewusster zu leben.
Austausch mit anderen Betroffenen
Für viele Betroffene war der Weg bis zur Diagnose reichlich beschwerlich. Einige haben erlebt, dass sie von Ärzt*innen oder Angehörigen nicht ernst genommen wurden, andere haben Probleme damit, die Diagnose einer chronischen Erkrankung zu akzeptieren. Ziehen Sie sich nicht zurück mit Ihren Beschwerden, sondern bemühen Sie sich um Austausch von Tipps mit anderen Reizdarmsyndrompatient*innen. Wenn es in Ihrer Nähe keine Selbsthilfegruppe gibt, können Sie sich auch online austauschen.
Ernährungsgewohnheiten beobachten
Wenn Sie häufig an den unangenehmen Symptomen des Reizdarms leiden, müssen Sie etwas an Ihrem bisherigen Lebensstil ändern. Beobachten Sie, welche Lebensmittel Symptome begünstigen oder lindern. Wenn Sie damit überfordert sind, eine bekömmliche und ausgewogene Ernährung zu finden, nehmen sie die Hilfe einer Ernährungsberatung in Anspruch.
Achten Sie auf ausreichende Bewegung
Damit der Darm nicht träge wird, ist regelmässige Bewegung wichtig. Ob Sie dabei Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen oder Tanzen ist zweitranging, Hauptsache, Sie haben Spass dabei. Eine Gruppen- oder Mannschaftssportart bietet auch die Möglichkeit für neue soziale Kontakte.
Autorin: Doris Gapp
Quellen: vitagate.ch, Drogerie Sonderegger
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